Einjähriges Holz oder zweijähriges: Der Unterschied beim Rebschnitt

Beim Winterschnitt der Weinrebe entscheidet sich, wo im nächsten Jahr Trauben hängen. Wer die einjährige Rute nicht sicher erkennt, schneidet ins alte Holz oder entfernt genau die Triebe, die hätten fruchten sollen. Der wichtigste Unterschied liegt nicht im Durchmesser, sondern in der Position: Die einjährige Rute ist der Trieb, der im vergangenen Sommer aus einem Auge des alten Holzes gewachsen ist. Alles, was direkt am mehrjährigen Holz sitzt und keine eigene Knospe mehr zeigt, gehört zum alten Holz und trägt nicht.<br> <br> <br> <br> Ob ein Baum richtig aufgebaut ist, zeigt sich an drei Merkmalen: eine durchgehende Stammachse bis in die Kronenspitze, gleichmäßig verteilte Gerüstäste mit flachem Winkel und eine lichte Mitte, durch die Licht fällt. Wer diese Ordnung jedes Jahr nur leicht korrigiert, hält den Baum dauerhaft gesund. Wer sie mit einem einzigen Schnitt erzwingen will, verliert meist mehrere Jahre Ertrag. Der Schnitt folgt dem Wuchs, nicht umgekehrt.<br> <br> <br> <br> <img src="https://www.freepixels.com/class=" style="max-width:420px;float:left;padding:10px 10px 10px 0px;border:0px;">Worauf es beim Schnitt wirklich ankommt Vor dem Schnitt wird die Rebe gesichtet, nicht sofort geschnitten. Zuerst sucht man eine kräftige einjährige Rute, die tief genug am alten Holz ansetzt und in die gewünschte Richtung zeigt. Diese Rute wird auf die passende Länge gekürzt, meist auf fünf bis acht Augen, je nach Erziehungssystem und Wuchs. Ein zweiter Trieb bleibt als Stummel mit ein bis zwei Augen für den Ersatz. Alles andere wird entfernt. Wer zuerst schneidet und dann sucht, opfert oft die einzige brauchbare Fruchtrute und muss mit schwachem Austrieb im nächsten Jahr leben.<br> <br> <br> <br> Harmlos ist das Bluten, wenn die Flüssigkeit klar bis leicht trüb ist, nur wenige Tropfen pro Stunde austreten und die Wunde nach einigen Tagen von selbst verschorft. Auch ein stärkerer Austritt an frischen Schnittflächen unmittelbar nach dem Rebschnitt ist normal. Kritisch wird es, wenn der Saft dauerhaft stark nachläuft, faulig riecht oder die Wunde dunkel verfärbt ist. Dann haben sich Bakterien oder Pilze eingenistet, und der Rebstock kann geschwächt werden.<br> <br> <br> <br> Häckseln richtig ansetz<br> <br> <br> <br> Beim Wechsel gilt: Verband nicht reißen. Ist er verklebt, mit lauwarmem Wasser oder steriler Spüllösung anfeuchten und vorsichtig lösen. Danach die Wunde nicht trocken tupfen, sondern nur abtropfen lassen. Wichtig ist, dass keine Flüssigkeit in der Wunde stehen bleibt. Bei tiefen Taschen oder Fisteln vorsichtig spülen und darauf achten, dass die Lösung wieder herausläuft. Wer nach dem Spülen sofort abdichtet, sperrt das Wasser ein.<br> <br> <br> <br> Sicher erkennt man die einjährige Rute an drei Merkmalen. Erstens läuft sie vom mehrjährigen Holz weg, oft in einem deutlichen Winkel. Zweitens sitzen an ihr die Augen in regelmäßigen Abständen, jeweils in der Blattachsel, und die Rinde ist glatt bis leicht gestreift, nicht borkig. Drittens ist sie elastisch: Biegt man sie vorsichtig, federt sie zurück, während altes Holz bricht oder steif bleibt. Ein guter Test ist auch die Knospe selbst. Schneidet man eine Rute längs auf, ist im Inneren eine grüne, saftige Anlage sichtbar. Trockene, braune oder leere Knospen sind ein Warnsignal.<br> <br> <br> <br> Ein Obstbaum besteht nicht aus einer Ansammlung von Ästen, sondern aus einer Hierarchie. Wer diese Hierarchie nicht liest, schneidet ins Blaue hinein und wundert sich über schüchterne Erträge. Die drei Ebenen sind schnell benannt: Wurzel, Stamm mit Leittrieb, Krone. In der Praxis entscheidet die Stammverlängerung, der Leittrieb, über die Wuchsrichtung des ganzen Baumes. Deshalb steht vor jedem Schnitt kein Werkzeug, sondern ein Blick an der Rinde entlang nach oben.<br> <br> <br> <br> Nach dem Schnitt bleiben keine langen Zapfen stehen. Ein zu langer Stummel trocknet zurück und öffnet Pilzen die Tür. Die Schnittfläche wird dicht am mehrjährigen Holz geführt, aber ohne dieses zu verletzen. Bei dickeren Ruten hilft eine scharfe Schere; gequetschte Stellen heilen schlechter. Zwischen den Reben sollte das Werkzeug gereinigt werden, besonders wenn verdächtige Stellen mit abgestorbenem Holz vorhanden sind. Wer diese Punkte beachtet, erkennt die einjährige Rute zuverlässig und legt mit dem Schnitt die Grundlage für einen gleichmäßigen Austrieb im kommenden Frühjahr.<br> <br> <br> <br> Was außerhalb der Schonzeit gilt und welche Fehler häufig passier<br> <br> <br> <br> Ein typischer Anfängerfehler ist der Schnitt in die falsche Knospe. Wer den Stamm knapp über einer nach innen zeigenden Knospe kappt, zieht die Krone ins Bauminnere, wo Licht fehlt und Fruchtqualität sinkt. Die letzte Knospe muss nach außen zeigen. Ebenso falsch ist ein radikaler Rückschnitt im Sommer, der den Baum zu Notaustrieben zwingt. Besser ist der Schnitt im späten Winter oder zeitigen Frühjahr, wenn der Saftdruck gering und die Kronenstruktur klar erkennbar ist.<br> <br> <br> <br> Ein häufiger Fehler ist das Schneiden auf zu viele Augen. Dann treibt die Rebe stark aus, die Trauben bleiben klein und die Ruten verkahlen im unteren Bereich. Umgekehrt führt ein zu kurzer Schnitt zu übermäßigem Blattwerk und fettem Wuchs, der kaum Trauben ansetzt. Die Faustregel lautet: lieber eine mittelkräftige Rute mit ausgewogenen Augen, als eine überlange, die nur Spitzenknospen gut ausbildet. Auch der Schnittzeitpunkt zählt. Bei starkem Frost unter etwa minus fünf Grad sollte man nicht schneiden, weil die Wunden dann schlecht verheilen.